Martin Pfeifle  (*1975)     onda   2016    

Textbeitrag von Dr. Marcel Schumacher 


zur Aufstellung auf der Skulpturenwiese Moltkeplatz Essen am 22. Mai 2016 



ONDA

Mitten auf der grünen Rasenfläche löst sich eine strahlend weiße Fläche vom Boden und kräuselt sich. Der Düsseldorfer Künstler Martin Pfeifle hat eine scheinbar schwebende Woge für den Essener Moltkeplatz gebaut. Diese Skulptur im öffentlichen Raum inszeniert nicht nur eine schöne Welle, sie ist zugleich ein Ort für die Öffentlichkeit: ein Treffpunkt oder auch eine Liegefläche. So entsteht auf dem Moltkeplatz eine Ausstellung im öffentlichen Raum und zugleich können die Menschen diese Fläche durch ihre Aktivitäten zu einem Ort der Gemeinschaft machen.

ONDA erinnert weniger an eine schäumende Welle sondern eher an eine gewellte Fläche, an das Kräuseln einer Oberfläche oder sogar an eine Schallwelle. ONDA weckt auch die Erinnerung an eine andere Welle, an jene elegant geschwungene, weiße Linie, die sich auf der Strandpromenade von Rio de Janeiro in weißem Mosaik über das schwarze Pflaster schlängelt. Da ist Rhythmus, Sound kommt einem ins Ohr. Tatsächlich ist es das, wozu uns die Skulptur auffordert: In Schwingung zu geraten, auf sie zuzugehen, zu verweilen, Platz zu nehmen, die Gedanken schweifen zu lassen oder miteinander ins Gespräch zu kommen.

Martin Pfeifle hat eine lebendige Skulptur für den Moltkeplatz entworfen, kein Monument für den öffentlichen Raum und auch keine hermetische Plastik. Er reagiert auf den Kontext, in dem seine Kunstwerke stehen. Mit einem großen Gespür für Materialien und räumlich-plastische Wirkungen gelingt es ihm, in seinen Installationen nicht nur überraschend schöne Plastiken zu schaffen; immer auch wird der Betrachter mit hineingezogen in die Skulptur. Er bricht die "Unberührbarkeit" des Kunstwerks durch die Alltäglichkeit des Materials auf. Silbernen Glanz erzeugt er durch Alufolie, Kuben aus Styropor und Bodenskulpturen aus weiß lackierten Holzplanken.

In den letzten Jahren hat der Künstler viele Installationen realisiert - umso erstaunlicher ist es, dass sich die Installationen nicht wiederholen. Für jeden neuen Kontext wählt er ein neues Konzept. Eine Quelle für diese Vielfalt mag seine Aufmerksamkeit für die Gestalt des urbanen Raums sein. Seit seinem Studium an der Kunstakademie Düsseldorf hat Martin Pfeifle eine Fotosammlung unterschiedlichster Architekturdetails angelegt. Die Fotografien sind manchmal beiläufig, manchmal auf Entdeckungstouren entstanden. Sie bilden eine Art bildliche Notizensammlung, einen losen Zettelkasten. So zufällig die Entdeckung des Motivs sein mag, Quadrierung und Komposition abstrahieren das fotografierte Objekt. Die ausgewählten Motive zeigen Ausschnitte von modernen Architekturen. Doch es handelt sich nicht um glatte Architekturfotos, oft zeigen die Details Spuren von Veränderungen, Rissen und Brüchen. Dieses wache Sehen und Erwandern des städtischen Raums hat Martins Pfeifles Gespür für Raum und Material geschult. Hier auf dem Moltkeplatz ist ihm wieder einmal eine perfekte Setzung gelungen, die darauf wartet, belebt zu werden.

Juni 2016

Dr. Marcel Schumacher



Dr. Schumacher ist Leiter des "Kunsthaus NRW" in Aachen-Kornelimünster. Er ist Kurator des Projektes  "onda".


Für mehr Informationen über die temporäre Skulptur "onda" von Martin Pfeifle auf dem Moltkeplatz in Essen klicken Sie hier.